BEITRÄGE

Das Genfer Gelöbnis und die Gesundheit von Ärzt*innen - Werden Worthülsen zur Realität?

Hippokrates (460 – 370 v.Chr.) betonte die Bedeutung von persönlicher Integrität, Empathie und Stärke des eigenen Verstandes in der Medizin und im Umgang mit Patienten. Diese Ansicht wird auch im Eid des Hippokrates vertreten, der an Hippokrates Sichtweise anlehnt, dessen wahrer Ursprung aber bis heute ungeklärt bleibt. Der Eid des Hippokrates wird seitdem 1.Jahrhundert überliefert und ist bis heute ein Leitbild für Mediziner*innen geblieben, obgleich er nicht rechtsbindend ist. 1948 wurde zusätzlich das Genfer Gelöbnis im Schatten der Kriegsverbrechen des 2. Weltkrieges durch den Weltärztebund formuliert. Im Kern gleicht es dem Eid des Hippokrates, ist aber für eine Medizin des 21. Jahrhunderts praxisnaher.

Im Folgenden die 2005er Version des Gelöbnisses (1):

Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Beruf gelobe ich feierlich:

Ich werde mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit stellen.

Ich werde meinen Lehrerinnen und Lehrern die ihnen gebührende Achtung und Dankbarkeit erweisen.

Ich werde meinen Beruf nach bestem Gewissen und mit Würde ausüben.

Die Gesundheit meiner Patientin oder meines Patienten wird mein oberstes Anliegen sein.

Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus wahren. Ich werde mit allen in meiner Macht stehenden Mitteln die Ehre und die edlen Traditionen des ärztlichen Berufes aufrechterhalten.

Meine Kolleginnen und Kollegen werden meine Schwestern und Brüder sein.

Ich werde mich bei der Erfüllung meiner ärztlichen Pflichten meiner Patientin oder meinem Patienten gegenüber nicht durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder durch andere Faktoren beeinflussen lassen.

Ich werde den höchsten Respekt vor menschlichem Leben wahren.

Ich werde, selbst unter Bedrohung, meine medizinische Kenntnisse nicht zur Verletzung von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten anwenden.

Ich gelobe dies feierlich, aus freien Stücken und bei meiner Ehre.

Wenn Studenten*innen am Ende des harten und zehrenden Studiums in die Ränge der Mediziner aufgenommen werden, geloben sie Botschafter einer humanen und gutmütigen Medizin, die das Wohl aller Menschen zum Ziel hat, zu sein. Bei vielen steckt eine aufrechte Intention dahinter. Es ist ein Phänomen unter Berufsanfängern, welches branchenübergreifend ist: Man möchte Pionier, Vorreiter sein; nicht an den gleichen Hürden wie die anderen, die „Alten“, scheitern. Jedoch führt eine Intention bekanntlich nicht gleich zu einer Handlung, insbesondere dann, wenn die Rahmenbedingungen deren Umsetzung nicht begünstigen.

Auch wenn eine Intention und ein Ziel nicht immer gleich in die Umsetzung münden, bieten sie Zündstoff für das Handeln. Wir brauchen sie, um überhaupt in die Aktion zu kommen (dazu auch mein Essay „volle Kraft voraus mit den richtigen Zielen“). Vor diesem Hintergrund ist die neu erarbeitete Fassung des Genfer Gelöbnisses ein erster Schritt in eine wünschens- und erstrebenswerte Zukunft. Sie wurde im Oktober 2017 vom Weltärztebund in Chicago (USA) verabschiedet und nimmt zwei wichtige, in den vorherigen Versionen bislang unerwähnte, Themen ins Visier, die dringend besonderer Aufmerksamkeit bedürfen: die Autonomie der Patienten sowie die Gesundheit von Ärzt*innen:

Als Mitglied des medizinischen Berufsstandes:

Gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen;

Die Gesundheit und das Wohlbefinden meines Patienten wird oberstes Gebot meines Handelns sein;

Ich werde die Autonomie und Würde meines Patienten respektieren;

Ich werde den größten Respekt für das menschliche Leben wahren;

Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaubensbekenntnis, ethnische Herkunft, Geschlecht, Nationalität, politische Zugehörigkeit, „Rasse“, sexuelle Orientierung, soziale Stellung oder andere Faktoren;

Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse auch über den Tod des Patienten hinaus wahren;

Ich werde meinen Beruf gewissenhaft und würdevoll entsprechend guter medizinischer Praxis ausüben;

Ich werde die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes fördern;

Ich werde meinen Lehrern, Kollegen und Schülern den Respekt und die Dankbarkeit erweisen, die ihnen zusteht;

Ich werde mein medizinisches Wissen zum Wohle des Patienten und zur Förderung der Gesundheitsversorgung einsetzen

Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Fähigkeiten achten, um auf höchstem Niveau zu behandeln;

Ich werde mein medizinisches Wissen nicht dazu verwenden, Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten zu verletzen, selbst unter Bedrohung;

Dies alles verspreche ich feierlich und frei auf meine Ehre.

 

Damit schafft die aktuelle Version des Genfer Gelöbnisses eine Grundlage für die Thematisierung der nicht selten beeinträchtigten Gesundheit von Ärzt*innen, insbesondere deren psychische Gesundheit.

So stellt eine Studie im Journal der Medical Association (USA) aus dem Jahr 2015 fest (3), dass die Depressionsrate bei Assistenz-Ärzt*innen steigt. Die Autoren untersuchten zahlreiche Studien, die zwischen 1965 und 2015 durchgeführt wurden, wählten nach strengen Kriterien die hochqualitativsten aus und verglichen die Inzidenzrate für Depression zwischen 1965 und 2015. Aus Daten von insgesamt 17.560 Assistenz-Ärzt*innen aus unterschiedlichen Regionen (u.a. Nordamerika, Europa, Südamerika) ging eine Depressionsrate von 20,90 – 43,20% hervor. Dabei zeichnete sich ab: je neuer die Studie, desto höher die Depressionsrate. Hierfür kann es jedoch unterschiedliche Gründe geben. So ist z.B. die Akzeptanz und Toleranz für Depression, und psychische Belastungen generell, heute höher als es 1965 der Fall war. Das führt dazu, dass Menschen offener mit ihren Beschwerden und ihrer Diagnose umgehen. Gleichzeitig ist die Arbeitswelt schneller und dynamischer geworden, die Anforderungen sind stetig am steigen. Es bleibt wenig Gestaltungsfreiheit und Raum für die Umsetzung all der guten Vorsätzen, die man hoch und heilig umzusetzen gelobte.

Im deutschsprachigen Raum gibt es weniger empirische Studien zu diesem Thema, als es in den USA der Fall ist. Jedoch schenken die Medien dem Thema ihre Aufmerksamkeit, die es auch so dringlich braucht. Ganz klar werden dort der Stress, die gesundheitsschädigende Lebensführung sowie die hohe psychische Belastung, die nicht selten mit Suizidgedanken verbunden ist, bei Ärzt*innen angesprochen. So berichtet die Welt (4) von schlechteren Ehen, Bewegungsarmut, Arbeiten trotz Krankheit sowie Zigarettenkonsum, trotz der bekannten negativen Effekte, unter Ärzt*innen. Das Ärzteblatt schreibt von der hohen Burn-Out Rate (5) und die Süddeutsche (6) von depressiven jungen Ärzten. Ein Artikel in der Zeit von 2016 (7) beschreibt die schwierigen Rahmenbedingungen, mit denen Ärzt*innen tagtäglich konfrontiert sind: Überstunden, keine Zeit zum Essen und Schlafen, die Verantwortung für eine übermäßig hohe Zahl an Patient*innen, jedoch kein Raum zur Reflektion, geschweige denn sich Fehler, Schwächen oder Ängste eingestehen zu dürfen. Eine toxische Kombination; als Psychologen wissen wir, dass Gesundheit im Außen, also den Strukturen, Prozessen und Rahmenbedingungen, sowie im Innen, also der eigenen Haltung, entstehen muss. Angesichts der beschriebenen Realität, ist Depression bei Ärzt*innen vorprogrammiert.
 

„Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlbefinden und meine Fähigkeiten achten, um auf höchstem Niveau zu behandeln;“

Auf den ersten Blick scheint die aktuelle Version des Genfer Gelöbnisses schon fast ein bisschen romantisch. Doch auch wenn die Realität im Widerspruch steht, sind Vorsätze wie diese wichtig und ein erster Schritt für eine Entwicklung in Richtung Gesundheit. Ärzt*innen sollten Vorbilder sein. Durch ihr Handeln andere inspirieren. Dafür ist unerlässlich, die Reichweite und Auswirkung des eigenen Verhaltens wahrzunehmen. Die Medizin befindet sich noch im Schatten des Biomedizinischen Modell, welches eine Heilung eigens durch Medikamente und operative Eingriffe vorsieht. Dass diese zur Medizin gehören steht außer Frage, doch sind sie nicht die alleinigen Akteure, die zur Gesundheit beitragen. Seit der Formulierung des BioPsychoSozialen Modells 1977 durch den Psychiater George Engels in dem renommierten Journal Science (8), setzt sich immer mehr auch dessen Ansatz in Gesellschaft und Gesundheitsversorgung durch. Nämlich dass Gesundheit auf der körperlichen, seelischen und sozialen Ebene entsteht. Und all diese Bereiche sind in der Behandlung von Krankheit gleichermaßen wichtig. Die neue Version des Genfer Gelöbnisses macht deutlich, dass in der Medizin und im klinischen Alltag ein Bewusstseinswandel stattfindet. Dazu gehört beim Verhalten von Ärzt*innen anzusetzen und die Rahmenbedingungen für gesundheitsfördernde Verhalten, wie z.B. eine achtsame Selbstfürsorge, in dieser Gruppe zu schaffen. Denn Worten sollten bekanntlich auch Taten folgen und wenn es tatsächlich zu einem Wandel im Verständnis von Gesundheit kommen soll, muss dieser von Ärzt*innen mitgelebt und getragen werden. Nur dann können Worthülsen zur Realität werden.

 

1. Bundesärztekammer: http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Genf.pdf), entnommen 27.11.2017

2. Dies ist eine inoffizielle Übersetzung des englischen Originaltextes (https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-geneva/), welche ich Wikipedia entnommen habe: https://de.wikipedia.org/wiki/Genfer_Deklaration_des_Welt%C3%A4rztebundes

3. Matta et a (2015). Prevalence of Depression and Depressive Symptoms among Resident Physicians. JAMA, 314, 2372-2383.

4. Schöne, L. Die Götter in Weiß sind kränker als ihre Patienten. Die Welt. Veröffentlicht am 30.04.2015. https://www.welt.de/gesundheit/article140318244/Die-Goetter-in-Weiss-sind-kraenker-als-ihre-Patienten.html

5. Gieseke, S. (2009). Gesundheit von Ärzten: Der Beruf macht krank. Dtsch Ärztebl, 106, A-1789/B-1537/C-1505. https://www.aerzteblatt.de/archiv/65948/Gesundheit-von-Aerzten-Der-Beruf-macht-krank

6. Bartens, W. (2016). Die depressiven jungen Ärzte. Die Welt. Veröffentlicht am 7. Dezember, 2016. http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-die-depressiven-jungen-aerzte-1.3282312

7. Gwiertnia, L. & Reumschüssel, A. (2016). Kranker Job. Die Zeit. Veröffentlicht online am 30. Januar, 2016. http://www.zeit.de/campus/2016/01/aerzte-krankenhaus-gesundheit-arbeitsbedingungen-ungesund

8. Engel, G.L. (1977). The need for a new medical model. A challenge for biomedicine. Science, 196, 129-136.

 

 

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