BEITRÄGE

hu-ma beim Mind & Life Summer Research Institute

Bei der diesjährigen Mind & Life Konferenz auf der Fraueninseln (Chiemsee) trafen sich Forscher und Menschen aus der Praxis eine Woche lang, um das Thema Achtsamkeit aus unterschiedlichen Sichtweisen zu betrachten. Dabei kam auch die eigene Erfahrung nicht zu kurz. Neben Vorträgen führender Wissenschaftlern der Achtsamkeitsforschung, wie Tania Singer, Paul Grossman und Britta Hölzel, begannen die Teilnehmer den Tag mit Sonnengrüßen und Asanas aus dem Yoga, angeleitet von Hanneli Åggotsdatter. Dem morgendlichen Yoga folgte die stille Meditation, die auch am Ende des Tages den Teilnehmern als ein Übergang in die Nachtruhe diente. In die Tiefe der Stille und Versenkung konnten die Teilnehmer zudem für einen vollen Tag eintauchen, welcher in abwechselnden Phasen der Geh- und Sitzmeditation verbracht wurde.

Es war gerade diese Mischung aus analytischer Auseinandersetzung und der eigenen Erfahrung mit Achtsamkeit, was die Mind & Life Konferenz so einzigartig machte. Nicht selten steht die eigene Erfahrung im Schatten des Intellekts und analytischen Denkens. Einer der Folgen davon ist, dass unzählige Experimente und Studien zu dem Thema Achtsamkeit ausgeführt werden, ohne das ein klarer Konsensus über das, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Achtsamkeit sprechen, vorhanden ist.

Dabei fängt es mit der eigenen Erfahrung an, denn wir können einem Verständnis von Achtsamkeit nur dann näher kommen, wenn wir uns in das, was wir verstehen möchten, hinein begeben. Bleiben wir lediglich objektive Beobachter, ohne unseren Verstand in das zu tränken, was wir verstehen möchten, wird es schwierig, vielleicht gar unmöglich sein, das, was sich hinter Achtsamkeit verbirgt, wirklich zu verstehen. Wir müssen selbst eine Erfahrung machen. Meditation und Kontemplation sind letztendlich Methoden, die eine eigene Erfahrung ermöglichen.

Die eigene Erfahrung stellt auch eine Grundlage für die Vermittlung von Achtsamkeit dar. Wie kann zum Beispiel ein Lehrer seine Schüler in Achtsamkeit unterrichten und schulen, wenn er oder sie selbst nie davon gekostet hat und stattdessen Achtsamkeit nur als ein Konzept geprägt von Worten und Definitionen weitervermittelt? Es ist wichtig, am eigenen Leib einen Zustand der Achtsamkeit zu erfahren. Eine Erfahrung führt zu Wissen und diese Art von erfahrenem Wissen ist für eine authentische Vermittlung, gerade von einem nicht-greifbaren Konzept wie Achtsamkeit, unerlässlich.

Durch die eigene Erfahrung werden auch die positiven Auswirkungen von Achtsamkeit sichtbar und diese können weitreichend sein: die Fähigkeit auch in belastenden Situationen, die eigene Mitte und Ruhe zu finden, die Perspektive von anderen einnehmen können, sowie die Fähigkeit, Empathie, Mitgefühl und Liebe für sich und andere zu empfinden, sind nur einige Beispiele.

Doch was ist Achtsamkeit?

Die Definition von Achtsamkeit war nur eines der vielen heiß diskutierten Themen des Mind & Life Kongresses. Auch wenn es viele unterschiedlichen Meinungen zu dieser Frage gab, so war man sich einig, dass eine Antwort über die übliche Definition von Achtsamkeit, nämlich „eine Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment jenseits von Beurteilung und Bewertung“ hinausgehen muss, denn wenn wir Achtsamkeit nur auf einen mentalen Zustand reduzieren, lassen wir wichtige Elemente aus, welche die mittlerweile weit verbreiteten Achtsamkeitstrainings von solchen Trainings, die lediglich zur Steigerung von Leistungsfähigkeit dienen, unterscheiden. Menschen wie Matthieu Richard, David Germano und Martijn van Beek erinnerten das Publikum daran, dass Achtsamkeit innerhalb einer Kultur mit Normen und Werten stattfindet bzw. stattfinden muss.

In 1989 fand die erste Mind & Life Konferenz in Folge einer Initiative des Dalai Lamas und dem chilenischen Wissenschaftler Francisco Varela in Dharmsala, Indien statt. Ziel der damaligen Konferenz war es, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Buddhistischen Paradigmen und Weltanschauen zu bauen, Gemeinsamkeiten zu entdecken und ggf. die eigene Sichtweise zu erweitern und zu ergänzen. Die Buddhistischen Werte von Liebe, Mitgefühl und Nächstenliebe sind fundamentale Grundbausteine aus denen die Achtsamkeit hervorgeht und auf denen sie basiert. Daraus ergeben sich auch die Motivationen für Achtsamkeit, nämlich warum möchte ich eigentlich achtsam sein? Wenn wir uns den kulturellen Kontext anschauen, aus der die Anfänge der Achtsamkeitsforschung hervorgehen, dann liegt die Motivation dafür achtsam zu sein darin, durch einen achtsamen Umgang mit sich selbst und mit anderen, zu mehr Frieden, Nächstenliebe und Mitgefühl in der Gesellschaft beizutragen. Zumindest ist das die Motivation in der Buddhistischen und anderen kontemplativen Traditionen wie z.B. das Sufi- und Christentum.

Das heißt, Achtsamkeit kann nicht zu einem Werkzeug reduziert werden, welches lediglich zur Steigerung von Leistungsfähigkeit dient. Achtsamkeit ist mehr als das und wenn wir diese grundlegenden Faktoren und Werte wie Frieden und Mitgefühl außer Acht lassen, so können wir nicht mehr von Achtsamkeit sprechen.

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