BEITRÄGE

Zeitalter der digitalen Virtuosen - zwischen digitalem Wahn und Sinn

In der FAZ vom 24.10.17 äußert sich der Präsident des Digitalverbands Bitkom, Achim Berg, besorgt über die fehlenden Programmierkenntnisse von Schülern in Anbetracht des bevorstehenden Wandels der Arbeitswelt. Auch Facebook-Forschungschef für künstliche Intelligenz, Yann LeCun, fände es laut FAZ gut, wenn ein Großteil der Schüler die Programmiersprache beherrschte. Das ist zum Teil auch berechtigt. Denn die Digitalisierung macht bisher notwendige, aber unerlässliche Arbeiten überflüssig. Teilweise sind diese gänzlich am Verschwinden oder werden von künstlicher Intelligenz übernommen. Das Vertraute geht, eine neue Welt tut sich auf. Natürlich löst bei vielen das Neue Angst aus. Politiker wie Christian Lindner wissen solche Ängste als Wahlprogramm gut zu nutzen: „Digitial First. Bedenken Second. Denken wir neu.“ So werden die Bürger darin bekräftigt zu „free Dein mind“ und sorglos gen digitale Zukunft zu schreiten. Und es wäre auch fatal, sich aus Angst und Sorge von Fortschritt und Entwicklung abzuwenden und beim Alten stehen zu bleiben. Dennoch können wir intelligent und durchdacht voranschreiten. Für Achim Berg ist das Fach „Programmieren“ in der Bildung der Zukunft unerlässlich. Warum auch nicht?! Ich selbst gehörte zu einer der ersten Kohorte mit dem Pflichtfach EDV. Damals lernten wir Briefe in Word zu schreiben, Labels für Briefumschläge zu erstellen. Heute geht es um komplexere Dinge wie das Programmieren von einfachen Apps. Wir bewegen uns damit mit den Anforderungen und Entwicklungen unserer Gesellschaft.

Doch wenn wir uns als Gesellschaft den Anforderungen der Digitalisierung fügen, müssen wir für die Anforderungen einer gesunden Entwicklung und Lebensführung gleichermaßen sensibel sein: Fettleibigkeit und Adipositas in Kindern und Erwachsenen ist stetig am Steigen. Die Zeit vom 11. Oktober 2017 schreibt von einem verzehnfachen der fettleibigen Kinder. Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts von 2014 berichtet, dass zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland übergewichtig sind. Kritiker mokieren sich über diese Zahlen, indem sie die Festlegung von Übergewicht in Frage stellen. Doch ganz gleich, wo die genaue Grenze zwischen normal und übergewichtig liegt, der Trend zur übergewichtigen Gesellschaft ist keine Illusion. Wir essen mehr, bewegen uns weniger und steuern so in eine Zukunft der digital agilen couch potatoes.

Das Thema ist jedoch komplex, denn es geht nicht um Fettleibigkeit oder Übergewicht per se. Es gibt Menschen, deren Optimal Gewicht über dem vorgegeben BMI liegt. Sie ernähren sich gesund, strahlen Vitalität aus und weisen keinerlei Beschwerden auf. Beispiele wie diese sind jedoch die Ausnahme. Die Norm hingegen sind Menschen, die aufgrund von ungesunder Ernährung und körperlicher Inaktivität an Gewicht zulegen, was nur die sichtbare Auswirkung in einer Reihe von gesundheitlichen Schäden darstellt. Wie schon angedeutet, es ist nicht das Übergewicht per se, sondern vielmehr die zugrunde liegenden Ursachen: ungesunde Ernährung, körperliche Inaktivität, die zu Ablagerungen in den Gefäßen, koronare Herzkrankheiten, Typ 2 Diabetes, Metabolisches Syndrom, aber auch psychische Beschwerden wie Angst und Depression führen können. Zwischen einem ungesunden Lebensstil und Depression besteht wiederum eine Korrelation, nämlich Menschen, die sich ungesund ernähren und körperlich inaktiv sind, sind auch anfälliger für Depression. Es entsteht ein Teufelskreis.

Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesundheit braucht einen ganzheitlichen Ansatz. Es reicht nicht aus, Menschen einfach nur zu sagen, was gut und was schlecht ist, was getan werden muss, was nicht getan werden darf. Es müssen ganz konkrete Strukturen etabliert werden: Gesundes Essen an Schulen, Selbstversorgunggärten, die von Schülern und Lehrern betrieben werden, Kurse zum nachhaltigen Kochen und auch die Kernkompetenzen der Schüler für eine gesunde Entwicklung muss konkret an Schulen gefördert werden. Dazu gehören ein gesunder Umgang mit Stress und Belastung und auch die Wissensvermittlung von Zusammenhängen zwischen Stress und ungesunder Ernährung. Wenn in der Zukunft Zeit und Geld in die Programmierfertigkeiten von Schülern investiert wird, sollten gleichermaßen Investitionen in die körperliche, geistige und seelische Agilität und Fertigkeiten unserer Schüler fließen. Sonst sind haben wir am Ende eine Gesellschaft der ausgezehrten digitalen Virtuosen. Wollen wir das?

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